Kreuzkirche Wiesbaden
Sakrale Gebäude erhalten dann ein gelungenes Raumkonzept, wenn sie durch Kraftlinien bestimmt werden, die durch Ästhetik, Funktion und atmosphärische Zuordnung in einem ausgewogenen Spannungsverhältnis miteinander stehen.
Hervorgerufen wird dieses Spannungsverhältnis durch den Einfluss klarer stringenter Linienführung, ohne Schnörkel mit dem Blick auf das Wesentliche: das erhabene Erleben des Göttlichen. In der christlichen Architektur in der Gestalt des dreieinigen Gotts:
Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Mit der Zeit hat sich vieles im Glaubensbereich gewandelt. Stand in den 50er Jahren das Ermahnende angesichts der Katastrophe des Dritten Reiches im Vordergrund, die Verarbeitung der Schrecken. Waren es in den 70er und 80er Jahren aufgrund der Studentenbewegung der gesellschaftlichen Verhältnisse der profane Versammlungsraum für politische Meinungsbildung, so entdeckte man in der Kirche in den 90er Jahren das Heilige neu, den Raum, der uns über alles Irdische hinaus verbindet mit denen vor uns, neben uns und nach uns.
Kirchen- und Gemeinderäume heute müssen dem jetzigen Glaubensleben Rechnung tragen: Raum der Stille neben dem Raum für Austausch und Miteinander, Heiliges und Profanes ist zu verwirklichen unter einem Dach und offen für viele.
So sind der Umbau der Kreuzkirchengemeinde Wiesbaden ein Beispiel dafür, wie überholte theologische Positionen überwunden werden können, Bausünden bereinigt und dem neuen Glaubensleben Raum gegeben werden kann mit viel Licht, Offenheit und raumsparender Weite, eingedenk der denkmalschützerischen Verantwortung.
Besonders eindrücklich wird dies am Pfarrhaus der Kreuzkirchengemeinde. Es ist einsichtig und offen, mit viel Licht - Sonnenlicht von morgens bis abends- und dennoch einer klaren Trennung von privatem und öffentlichem Raum, ebenso sind die Gemeinderäume geprägt von Offenheit für alle und Raum für geschützte Spiritualität und Beichte.
Der Kirchenraum ist etwas Besonderes. Er ist das Herzstück einer Kirchengemeinde, Ort des Gottesdienst, dem Ort an dem ich dem Heiligen, Gott selbst begegne.
Der gefeierte Gottesdienst vollzieht sich immer an konkreten Orten und geht mit diesen in der Wahrnehmung derer, die ihn feiern, eine so enge innige Verbindung ein, dass in der Erinnerung gottesdienstliche Erfahrungen in der Regel in szenisch-räumlich-klanglicher Gestalt aufbewahrt bleiben und die mit dem Gottesdienst verbundenen Inhalte auf eigenwillige Weise in den Hintergrund treten. Von daher ist davon auszugehen, dass Liturgie ein komplexes und keinesfalls auf die Übermittlung theologischer Botschaften zu reduzierende Geschehen darstellt. Es gibt keine orts- oder personen-unabhängige Liturgie „an sich", sondern die einzelnen Sequenzen der gottesdienstlichen Feier (wie Lieder, Lesungen, Gebete, Predigt oder Segen) und die sie (mit ihren menschlichen Körpern) ausführenden Personen werden im Kirchenraum und dort wiederum an den besonders hervorgehobenen Punkten wie Altar, Kanzel, Taufstein oder Kirchenbank verortet. Sie benötigen ihren jeweiligen Ort, um sich atmosphärisch entfalten zu können.
Von daher hinterlässt der gefeierte Gottesdienst im Kirchenraum zunächst unsichtbare, aber atmosphärisch wahrnehmbare Spuren, die sich dann jedoch auf Dauer gleich sinnlich wahrnehmbar in den Raum und seine Ausstattungsgegenstände einschreiben und von den Nutzern des Kirchenraumes auch außerhalb des Gottesdienstes gelesen und entziffert werden können.
Wenn also der Gottesdienst nicht auf die binnenkirchliche Sicht des Sonntagmorgengottesdienstes zu begrenzen ist, dann sind Kirchengebäude konsequent die Woche über für den persönlichen Gottesdienst zu öffnen und üben für den »Lebensgottesdienst (vgl. Römer 12,1ff) eine wichtige Funktion aus, wie hier in der Kreuzkirche verwirklicht wurde.
Der hohe Wert des Phänomens, dass Kirchenräume mit Lebensgeschichten angereichert werden, darf nicht unterschätzt werden. Er übt deutliche Rückwirkung auf den sonntäglichen Gottesdienst aus. Es ist gar nicht immer erforderlich, dass sich in diesem eine auch im empirischen Sinne repräsentative Gemeinde versammelt. Vielmehr genügt eine stellvertretende (und im Extremfall zahlenmäßig sehr kleine) feiernde »Gemeinde«, da der Kirchenraum ja bereits mit den Lebens-, Glaubens- und Gebetsspuren derer angefüllt ist, welche die Woche über dort Zuflucht, Stille und das Gebet gesucht haben, und diese »Alltagsspuren« nun erneut mit den expliziten Gottesdienstspuren zu einer Einheit verbunden werden.
Die am Sonntagmorgen - Gottesdienst feiernde »Gemeinde« braucht daher nicht immer nur den oft lähmenden Eindruck zu haben, eine kleine Anzahl zu sein, sondern kann sich bewusst machen, dass in ihrem Gottesdienst über das Kirchengebäude auch diejenigen mit anwesend sind, welche die Woche über ihr Leben in dieses Kirchengebaude hineingetragen haben.
So stellt Architektur von kirchlichen Räumen heute die große Aufgabe, Orte für das eine Wort zu gestalten und damit Räumlichkeiten für den Himmel selbst zu bieten.